Spinnen schweben.

Habe ich eigentlich schon einmal gesagt, wie wenig gut ich es finde, dass die Zeit so schnell rennt? Als ob die Zeiger der Armbanduhr sich im Kreis drehen wie die Unterfadenspule der Nähmaschine bei Vollgas, als ob ein unsichtbarer Faden sich rattattattatt abwickeln würde und eine unsichtbare Fadenspur hinter meinen Schritten zieht und die Stadt mit einem Netz über.

Im Netz sind große Knoten. Das sind die Orte, an denen ich oft stehen bleibe, mit im Kreis drehe, hierhin ein paar Schritte trippele und dorthin zurück, es geht treppauf treppab, durch Aufzugtüren und auch durch die dicken isolierten Studiotüren, gegen die ich mich werfen muss, um sie wirklich zu verschließen. Die Lebens-Orte.
Es gibt diesen hermetischen Raum, mit den Fenstern zu den anderen Räumen, mit dem Tischchen und der ewig gleich hellen Lampe, mit den Papierstapeln und dem immergleichen System, Dinge in  Ordnung zu halten und zu verstehen. Mit einem dichten Fadennetz durch die Rollen des Drehstuhles, dessen Armlehnen unter dem Tischchen klemmen bleiben, wenn ich schnell aufspringe, weil nebenan das Telefon läutet.

Es gibt diesen anderen Ort, das Zuhause, das unmerklich und immer mehr mit einem Gefühl verschmilzt. Das Gefühl, das mit dem Aussuchen einer Zitrone im Supermarkt in den Bauch kommt, die Freude am Aussuchen der richtigen Zitrone und der Ingwerwurzel dazu, für ein Getränk am richtigen Sitzplatz in der richtigen Stadt dieses richtigen Lebens. Wo die fast fertigen Zufriedenheitsdinge liegen, wo, ja, eben, der Bauch wohnt. Der mich durch das Netz der Stadt trägt und sagt Lass Sein oder Gut So oder Es fehlt etwas. Gerne warm, aber ohne Zucker!

Und gleichzeitig das Andere so vermisst. Den liebsten Menschen, der so oft so weit weg ist, aber dennoch immer ganz dabei, die Wärme auf den Haaren, die die kurze Zeit auftanken lässt, wenn die kleine Lampe nicht scheint, die kurzen langsamen Zeiten, die so lange sind, weil sie kurze Zeiten sind.

Ich will dies und dies und dies mehr und mehr und lieber dort sein, gerne oft wo anders, mit den Menschen, die so vertraut sind, die die Feder innendrin pusten und schweben lassen, und ich gleite wie auf Luftkissen durch die Zeit, entlang der Spinnenfäden, die sich hinter mir erst ausbreiten. Ich will das Gefühl der schweren Müdigkeit spüren, am frühen Morgen, mit den Augen mitten ins Licht, rückwärts fahrend, auf dem Weg zum nächsten Feder-Ort. Ich will spüren wie die kleinen Steinchen unter dem Eis hervorkommen, und sich von unten gegen die Füße drücken und jeden Schritt lang spricht der Weg mit den Fußsohlen. Ich will in der Straßenbahn gerade sitzen, und bei jedem Halt erkennen wo wir stehen ohne aus dem Fenster zu sehen. Ich will, dass dieses Ist sich mir umwickelt, und immer so ist, wie die Entscheidung diese Zitrone zu nehmen und nicht diese.

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