Reisen in Kolumbien: Medellin

Medellin

So im Heißschokoladen-Zuckerkoma traten wir den großen Ritt an, mit Ziel Medellin. Der kleine Bus war schnell, aber auch schamlos. Wir, ganz hinten drin eingezwickt. Für Beine ist da sowieso immer recht wenig Platz, in diesen halben Bussen, und wir beide sind ja ganz gut ausgestattet mit Beinen. Und Gepäck und nicht allzu großer Freude an Busritten. Rumelgepumpel und viele viele Schlaglöcher später erwachen wir aus dem erzwungenen Fahr-Koma und sehen Sonne und schon wieder: viele viele Menschen. Und Autos. Und auch wieder: Seilbahn. Medellin hat eine tolle Metro, die überirdisch fährt, und, weil die Stadt ein ganzes Tal verstopft, Seilbahnen auf die umliegenden Hügel, wo die Menschen leben, die sich die Ebene nicht leisten können. Mir ist schlecht vom halben Bus, und ich mag jetzt gerne schnelle schlimme Kohlenhydrate. Kein Problem, denn oh welch ein Zufall, um die Ecke des langweiligen Hostels, das wir gebucht haben, weil unser Favorit laut Manizales Hostel-Mensch total voll war (auch wenn er sicherlich nicht angerufen hat, trotz hoch und heiligem Versprechen) reiht sich ein stinkender Burgerladen neben den nächsten. Wir nehmen den mit dem Schatten davor und schlucken die Fahrt mit den Pommes runter. Dann spazieren wir rum, verdauen das Fett und fahren ein bisschen mit der oberirdischen U-Bahn, mit einer Seilbahn hoch, runter und das ohne Gewitter. Nichtmal ein bisschen Wind. Man sieht viel und weiß nicht wie man das finden soll. An diesen Hügeln quetschen sich Hütten und Verschläge aus Holz, Blech, Pappe neben- und aufeinander, mit Betonflächen dazwischen, auf denen Kinder Ballspielen. In der Nähe der Bergstation des Metrocable wurde vor ein paar Jahren die Biblioteca Espana fertig gestellt, nicht nur Bibliothek, sondern auch Treffpunkt, Sammelplatz, Internetcafe und Beschäftigungsort für die Menschen dort in der armen Gegend. Friedlich ist es hier, gesellig, bunt und auch laut, aber anders laut, menschlicher laut als an den Orten, wo das Geld lockt und bleibt. Und der Ausblick auf das Tal, das ein letztes Mal an dem Tag von der gerade untergehenden Sonne berührt wird, ist atemberaubend weit und gewaltig. So eine gewaltige Stadt. Wie ein Ozean.

Unsere vier Tage in Medellin sind geprägt von fortbewegen. Hauptsächlich mit Metro und Metrocable, einfach nur sehend, was passiert. Einen Zwischenstopp im großen Fußballstadion machen wir, und sehen ein ereignisloses Spiel zwischen dem Medelliner und dem Bogotaer Club. Mit einer Medelliner Fan-Meute, deren Schlachtengesänge von Trommeln begleitet werden, die uns mitwippen lassen in ihrem Takt und ein eigenes Schauspiel für die Ohren geben. Wir essen unsere erste gesalzene Mango dieser Reise, nuckeln Wasser aus diesen kleinen Kunststofftüten, die es hier überall gibt und die zwar Abfall sparen, dafür aber immer ein bisschen nach Plastiksack und Schwimmbad schmecken. Danach fahren wir wieder, hin und her und hoch und runter, über Hügel drüber, an deren Rückseite noch ärmere Verschläge lehnen, ohne Fenster, ohne befestigte Wege dorthin, und dazwischen magere Kühe, deren Hüftknochen in die Luft staken. Das ist schon ein Anblick, den man nicht so kennt, so als Mitteleuropäer, der behütet und betätschelt in seiner Zwei-Zimmer-Stadtwohnung als niedrigsten Standard die Sozialghettos kennt, die aber Fenster, Dach und geteerte Zufahrtswege haben. Für diese Menschen hier, auf der Rückseite des Hügels, die aus dieser Seilbahn keinen Nutzen ziehen können, die für sie unerreichbar ist mit ihrer Haltestelle dort drüben auf der nächsten Erhebung, und die ihre Güter bergauf und bergab schleppen über die schmalen steinigen Trampelpfade, wäre das das Paradies. Gleich neben der Endstation ragt ein Neubauviertel in den Himmel, Wohnblocks mit Aussicht.

So ist das dann nämlich, das ist städtische Aufwertung. Hier holt das Metrocable das Geld in die Slums, und es schwebt darüber hinweg, und schaut auf dieses Schauspiel dort unten, mit dem es nie etwas zu tun haben wird, denn es ist eine andere Welt in dieser einen Stadt. Neben dem Metrocable, das schon seit einem knappen Jahrzehnt über die Slums schwebt, wird in Medellin gerade ein weiteres Erschließungsprojekt fertig. In der Communa 13, einem der ärmsten Viertel der Welt, entsteht die längste Rolltreppe der Welt. Wir schauen uns das an, wir Glotz-Touristen. Hinauf auf den steilen Hügel, an dem wieder Haus neben Haus und Hütte neben Hütte kleben, wir eine Schneise betoniert, eine überdachte Rolltreppe mit akkuraten Treppen nebenher. Denn Rollen kann man nur drei Stunden am Tag, die restliche Zeit muss aufgestiegen werden, so wie die Bauarbeiter, die fast schon in Kolonnen Eimer voller Schutt dort hinauf schleppen. Uns ist schon heiß, und es ist staubig und dampfig, doch was wir tragen müssen, ist Wasserflasche und Kamera. Das ist alles. Wir bekommen wieder einmal ein Gefühl dafür, wie sehr sich der Puls dieses Landes von unserem unterscheidet.

Am letzten Tag in Medellin werden wir morgens von unserem Hostel abgeholt. Wir sind mittlerweile umgezogen, dorthin wo angeblich alles voll war, in ein zwar winziges Zimmer, dafür aber mit Fensterfront über die ganze Breite und Ausblick aus dem Bett auf eine grüne Front. Über uns ist die Dachterrasse mit einem kleinen Pool, unter uns eine Ebene mit Hängematten, darunter mehrere Räume, verschachtelt mit Sitzgelegenheiten, Bar und Billardtisch. Dieses Hostel ist wie die Stadt, auf vielen Ebenen, mit Begegnungsorten überall, nur ganz ruhig, gemütlich und ein gutes Zuhause auf Zeit. Dort vor der Bambustüre, zu der man durch einen kleinen überdachten Garten geht, wartet ein alter Schulbus für kurzbeinige, und wir starten zu einer Tour durch die Stadt. Das Thema ist Pablo Escobar, der größte Drogenboss, den es jemals gab, und der mit seinem Kartell in den 80ern das ganze Land beherrscht und lahmgelegt hat, bis er Anfang der 90er endlich in seinem Versteck aufgespürt und geschlagen werden konnte. Wir fahren Orte ab, an denen er wohnte, riesengroße Häuser, Paläste, immer in weißer Farbe, wie das Koks, das ihm diesen immensen Reichtum, aber dann auch lange Gefangenschaft und Flucht brachte. Die beiden jungen sympathischen, er der Fahrer des Busses, sie die mit dem Mikro, englisch sprechend, erzählen von diesem Menschen, seinem Einfluss, den Folgen des Drogengeschäfts, die immer noch immens im ganzen Land zu spüren sind. Wir sind schwer beeindruckt, auch von dieser Entrepeneur-Idee, Touristen auf diese Art und Weise so wichtige Aspekte der Stadt zu zeigen und nebenbei klar zu machen, wie es in Kolumbien unter der freundlichen sonnigen Fassade brodelt und schäumt.


(eines der 500 Häuser, die Pablo Escobar in Medellin bauen lies. Hier sein Privathäuschen, weiß wie der Schnee für die Nase.)

Der Nachmittag beginnt mit Fußball, einem wieder kaputten Computernetzteil und einem sehr späten Mittagessen mit der kolumbianischen Idee eines Rinderbratens. Wir sind faul und ja im Urlaub, schauen von der Hostelterasse dem Regen zu und machen sehr wenig und vor allem nichts, das im Reiseführer empfohlen wird.

In Medellin haben wir eine Horde lustiger Menschen getroffen. Am ersten Abend Sergio, der kleine springlebendige Aktivist, der unser trockenes Brot wegknabberte als wäre es Schokokuchen und uns davon erzählte, wir gut es reichen Leuten oder Kindern aus reichen Familien in Kolumbien gehen kann. Er zeigte uns die vielen Papiere aus seinem Rucksack, erzählte uns von dem, war in seinem Kopf umhergeistert, von seiner Arbeit, an der er gerade für die Uni sitzt, und es wurde ein vergeistigter Abend, mit viel Spanisch in einer wieder anderen Welt als die in den hohen Häusern in der Innenstadt und die in den Verschlägen am Hang. Oder dann die Schweizer im Hostel, und Birgit aus München, die von der fünftägigen Überfahrt mit dem Katamaran aus Panama erzählten, und den vielen Inseln, die der eine Schweizer in den letzten Monaten seiner Reise gesehen hat.

Advertisements
Getaggt mit , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: