Die verklebte Münchnerin

Stefanie näht und hörspielt nicht nur, sondern schreibt auch ab und zu. Zum Beispiel für norrøna, einer Zeitschrift, die alle naslang erscheint. Es geht um alles Mögliche, nur mit Skandinavien hat es immer irgendwie zu tun. 

DIE VERKLEBTE MÜNCHNERIN ist ein Kolumnentext.

Ich bin jetzt immer mal wieder in Berlin. Es ist nämlich so,

dass die bessere Hälfte da oben Arbeit im studierten Fach (wo gibt’s

das schon noch?) gefunden hat und deswegen unser liebes München

mit Sack und Pack in einem großen Auto verließ. Zurückgelassen in

München wurde ich erst einmal ordentlich traurig. Nicht nur, dass sich

da jetzt 600 Kilometer zwischen uns geschoben hatten, nein, es war

ganz offensichtlich: Das wird ein Zeitproblem geben. Ist man am gleichen

Ort, kann man sagen: Ey, was machst du heute Abend? – Och, nichts. Und

du? – Auch nichts. – Na, dann lass uns doch treffen. Und schwupps war

man da oder dort, auf alle Fälle zusammen im gleichen Quadratmeter.

Jetzt muss man Flüge buchen, Züge bezahlen, stundenlang schlechtes

Radio in fremden Autos hören und hat für eine so gern gemochte Sache

überhaupt keine Zeit mehr (und auch kein Geld): Nach Schweden fliegen,

sich dort an irgendein größeres Wasser setzen, von den Möwen auf den

Schoss kacken lassen und dabei so richtig selig-glücklich werden.

Jetzt sitzt die Münchnerin da, in Berlin, und traut sich nicht aus dem

Haus. Auch deswegen fuhr man immer so gerne nach Stockholm: Die

Stadt ist so schön überschaubar, so München-ähnlich, und so viele U-

Bahnen gibt’s nicht, dass man total die falsche nehmen kann. Und die

Natur! Das mag man ja so gerne an dieser Stadt! Die Natur! Und die Stadt!

Alles auf einmal, ganz nahe zusammen. Aber jetzt bin ich in Berlin, in der

neuen »zweiten Heimat«, erinnere mich an die Besuche dort in der frü-

hen Jugend, wo ich mich tagelang in grauen Straßen herumtrieb, nicht

schlief und dann grauen Rotz im Taschentuch hatte. Ich warte, dass der

Mann von der Arbeit nach Hause kommt. Das ist ganz schön langweilig

und deshalb traue ich mich doch aus dem Haus und laufe erstmal ein bis-

schen ziellos rum. Ich lande an der Spree. Wasser! Es ist zwar eingepfercht

zwischen Betonwänden und so richtig hinsetzen kann man sich da erst-

mal nicht (und auch nicht von Möwen vollkacken lassen), aber bisschen

plätschern tut’s allemal. Cool. Weitergehen. Hoppla. Wald! Da ist ja Wald!

Wald am Wasser! Die Laune der Schweden-sehnsüchtelnden Münchne-

rin in Berlin steigt und ein bisschen riecht es vielleicht sogar, wie man sich

das so vorstellt mit der Natur in der Stadt. Nach Rinde und matschigem

Laub, modrig vielleicht und feucht und glitschig. Da kann man sich schon

mal niederlassen, auf einer Bank. Kurz ausruhen, und dann erstmal wieder

gehen, gehen, gehen. Gefühlte Siebenmeilen zur nächsten Haltestelle, an

der – puh – eine Bahn wieder dahin fährt wo man sich auszukennen denkt.

Hunger! Ey, Hunger! Gib mir ein Pressbyrån, gib mir einen seven-eleven,

gib mir Bulle (Kanelbulle=Zimtschnecke), gib mir Kaffee, lieber Berlin-Gott!

Es wäre doch so einfach, mir reicht schon der gute zimtige Geruch, der aus

der Tür des Pressbyrån herausschwappen würde, würde es so eine Tür ge-

ben. Weiterstiefeln entlang von Straßen, die eine halbe Stunde lang gleich

heißen, und da, schwupps. Also mit so etwas habe ich nicht gerechnet, als

Alpenländlerin. Hier steht auf einem Schild: godispåse. Go-dis-på-se. Also

nein. Also wirklich! Skumkantareller, dann diese Karamellblöcke, die ewig

satt und klebrig machen, so lakritzige und saure Dinger und die Gummi-

Himbeeren, die nach Seife schmecken. Was macht das denn alles in Berlin,

Berlin ist doch nicht Stockholm, oder vielleicht doch? Ich bin erstaunt, kau-

fe ordentlich ein (mit Euros) und stapfe mit erheblich besserer Laune als

vorher die ewig lange Straße lang.

Mit klebrigem Magen und Lust auf Käsebrot stolpere ich gegen ein

Schaufenster, das mit »scandinavian objects« überschrieben ist. Da schau

her, schon wieder. Es drängeln sich Dalahästar, Tassen mit diesem bekann-

ten Blättermuster von Stig Lindberg, Gläser, die wie von Ikea aussehen,

aber nicht Ikea sind, sondern teuer, und eine Wandkarte von Nordeuropa

für gute 200 Euro an den Wänden. Ach, schön. Kann ich mir zwar nicht

leisten, aber anschauen! Anschauen, anschauen, auch mit den Händen.

So wie man das so macht, in Schweden, da in den Straßen dieser Stadt, wo

anschauen nichts kostet, erst beim Habenwollen kommen die Probleme

(die finanziellen). Also mach ich’s hier einfach auch so: Anschauen, nicht

haben wollen. Nur freuen. Berlin, das hast du gut gemacht. Die Münchne-

rin ist karamell-verklebt und glücklich.

Sie kauft sich jetzt ein Käsebrot. Das heißt da in Berlin Haloumi-Scha-

warma-Makali-im-Brot und ist gewaltig matschig, aber mit Salat und vor

allem: echt mal billig im Vergleich mit den München-Stockholm-Preisen,

die man so kennt. Möwen, her mit euch! Hier gibt’s Mittagessen!

(Godispåse gibt’s bei Herr Nilsson Godis in der Wühlischstraße 58 und

die skandinavischen Objekte in der Rykestraße 31. Nach der Rückkehr nach

München sagte eine Freundin: »In Berlin gibt’s einen großen schwedi-

schen Weihnachtsmarkt, also fahr hin, wenn du Glögg brauchst!« Für wei-

tere Skandinavien-in-Berlin-Tipps ist die Autorin dankbar!)

(Dieser Kolumnen-Text erschien in der Zeitschrift norrøna – Zeitschrift für Kultur, Geschichte und Politik der nordischen Länder, Nr. 45, erschienen gerade jetzt im Juni 2012)

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Ein Gedanke zu „Die verklebte Münchnerin

  1. mona sagt:

    Schöne Kolumne, ich musste doch schmunzeln 🙂

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