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Achterbahn durchs Piroth-Land

Stefanie näht und hörspielt nicht nur, sondern schreibt auch ab und zu. Zum Beispiel für norrøna, einer Zeitschrift, die alle naslang erscheint. Es geht um alles Mögliche, nur mit Skandinavien hat es immer irgendwie zu tun. 

Piroth

»Piroth remixed«

Oma Gusti records/kranglan broadcast, 2011, ca. 16 Euro

Ende 2009 veröffentlichen die Schwedinnen Johanna und Nina als das Duo Piroth ihr zweites Album Safe Haven auf ihrem eigenen Label Oma Gusti Records. Benannt haben sie dieses nach ihrer Groß- mutter, die selbst Inhaberin des ersten Plattenladens in Salzburg war. Bei ihr verbrachten die Schwestern die Sommer ihrer Kindheit. Auf den Release folgte im Herbst eine Tour mit der Bahn und einer Handvoll Instrumente u.a. durch ihre Zweit- und Dritt-Mutterländer Österreich und Deutschland. Dabei entstand ein Filmtagebuch, das wie eine Art »Reise-Musikvideo« den schwebenden, schwankenden und dann wieder treibenden und vielstimmigen Gesang Piroths bebildert. Die folkigen Geschichten von Piratenbräuten, der einen tollen Nacht, dem Fernsehturm mit den Discolichtern oder der Suche nach dem Irgendwo (da singen sie in lieblichstem Österreichisch) werden in neblige, beige Farben gehüllt (siehe dafür: http:// http://www.pirothontour.blogspot.com). Einen Sommer und Winter später erscheint ein weiteres kleines Album mit dem Titel Piroth remixed. Sechs schwedische Elektromusiker haben sich einige Lieder aus den beiden Piroth-Alben Safe Haven (2009) und Prima Ballerina (2007) zur Brust genommen. Jetzt blubbert und gluckert es zwischen den Gitarrenklängen der Schwestern und ihren Mädchenstimmen, es stampft ein Beat durch das pirothscheTraumland, es dreht sich ein Kreisel durch das Lied Dance Closer. Aus der Melancholie und der Nachdenklichkeit der Originalsongs wurde Party und Rhythmus in den Remix-Versionen. Man wackelt automatisch im Rhythmus mit und wird beweglich in allen Gelenken, die Bahnreise wird zur Achterbahnfahrt. Ein Video-Reisetagebuch zu Piroth remixed wäre vielleicht grellgelb, meerblau und frühlingswiesengrün gestaltet, in kubistischen Formen, die miteinander Tetris spielen. Eine pulsierende Miniaturgroßstadt inmitten einer Herde österreichischer Kühe, die ob des illustren Schauspiels munter mit den Augen rollen. So etwas gibt es nur in der musikalischen Welt der Piroth-Schwestern und ihrer Oma Gusti. Dort wird übrigens gerade wieder fleißig an neuen Klangreisen gebastelt.

http://omagustirecords.se/blog/category/news/
http://omasstudio.se/category/projects/

(Dieser Kolumnen-Text erschien in der Zeitschrift norrøna – Zeitschrift für Kultur, Geschichte und Politik der nordischen Länder, Nr. 45, erschienen gerade jetzt im Juni 2012)

der Krater im Wald

Vor gut zwei Jahren habe ich sie kennengelernt. Bilder in Büchern, im Internet, Beschreibungen aus dunkelbraunen deutschen Zeiten. Die Dietrich-Eckart-Bühne / Waldbühne war ein zentraler Bestandteil meiner Magisterprüfung zum Thema NS-Theater. Einer der Thingplätze der Reichskulturkammer war – erst kurz vor Ende der Thingbewegung fertiggestellt – die Dietrich-Eckart-Bühne beim Berliner Olympiagelände, ein Naturtheater für über  20.000 Zuschauer. Das sah so aus:

(Bilder von hier)

Man kann zwar das Olympiagelände von 1936, aber nicht die Waldbühne besichtigen – außer man kauft Karten für eines der dort stattfindenden Konzerte. Hat man aber nie. Vor zwei Jahren bin ich mal auf den Glockenturm gekraxelt und habe von oben draufgespäht, aber da waren die Bäume so sichtversperrend, dass das Waldbühnen-Späh-technisch überhaupt nichts gebracht hat.

Meine Waldbühnen-Fixierung (und Amphitheater-Interesse im Allgemeinen) wurde nicht so richtig weniger im Lauf der Zeit und narrisch gerne hätte ich das Ding mal von innen gesehen.

Da kamen zufällig Karten angeflogen in des liebsten Menschen Büro. Für das alljährliche Abschlusskonzert der Berliner Philhamoniker. Tatsächlich saß fast auf jedem Platz ein Mensch – 20.000 Köpfe, und weniger Geräusche als in einem halbvollen Stadttheater. Vorbildliche Zuhörer!

Man lauschte der Suite für Jazz-Orchester Nr.  2 von Schostakowitsch, und der Musik zu Fellinis La strada. Außerdem Fontane di Roma und Pini di Roma von Resphighi.  Wir saßen mit Picknickkörbchen und Isomatte auf den heiligen Plastikstufen und die Mücken hatten scheinbar genug mit den anderen 20.000 zu tun. Kurze Zeit kamen ein paar Regentröpfchen vom Himmel, da sah das Ganze gleich lustig bunt aus:

und später so:

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