Archiv der Kategorie: reisen/kolumbien

12 aus 2012 – Jahresrückblick

Ein Jahresrückblick in Bildern nach einer Idee von 23 qm Stil, mit Worten und Zahlen. 2012 brachte viele Stunden auf Autobahnen und in Flugzeugen, eine neue Website mit einem neuen Blog (weshalb stefanieundpaul nicht mehr ganz so gut gefüllt wurde wie zuvor), viele viele neue Gesichter, ein tolles Team mit Bewegung in der Stadt und einer Homebase, auf die wir stolz sind.

Vorboten auf ein tolles 2013. Es wird sich nichts ändern, aber doch anders werden. Vorfreude!

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Reisen in Kolumbien: Cartagena und Playa Blanca

Cartagena

Dort ist es noch mehr heiß. Die anderen mieten sich im Partyhostel mit Pool ein, wir ums Eck in einem Familiengeführten, aber stinklangweiligen Haus. Der Nachmittag in der Innenstadt, die sich für die Touristen, die von Monat zu Monat mehr werden, herausgeputzt und mit Polizei an jeder Ecke ausgestattet hat, lässt uns staunen. So schön ist es hier, so anders als in den anderen Städten, die wir bisher gesehen haben, und neben der Hitze auch immer windig, dort am Hafen beginnt das offene Meer. Abends feiert das Partyhostel, wir gehen da auch mit rein, und finden auf der anderen Straßenseite ein kleines Hotel mit Mangobaum im Innenhof und einem Zimmerchen mit weißem Bett und großem Bad. Dahin werden wir umziehen, übermorgen.

 

Playa Blanca

Denn wir wollen es nochmal probieren, das mit der Nacht am Strand. In alter Besetzung steigen wir wieder in ein Boot, wieder ein schnelles fliegendes, und kommen dort an, wovon alle Backpacker in schillernden Farben erzählen. Die Playa Blanca liegt eine Fischerboot-Stunde südlich von Cartagena, hier ist der Sand weich und weiß, nicht so körnig und klebrig wie im Tayrona-Park, und das Meer schwappt gemütlich türkis. Am Strand unter den reetgedeckten Unterständen kann man übernachten, die Zeit ist leer, mit Nichtstun, Wasser trinken, Baden, wieder trinken, lesen, schlafen. Abends wird für uns gekocht, Fisch mit Pommes, oder Reis mit Huhn, mit Süßwasser vom Festland. Hier lebt man minimal, aber hier stört es uns nicht, der Strand, dieses Schwappen, dieses wohlige Flirren in der Luft machen den Ort zum Paradies. Abends, als es dunkel ist und der Generator die funzelige Glühbirne zum leuchten bringt, wir beschäftigen uns mit Kartenspielen und Bier, kommen drei deutsche Mädchen Anfang zwanzig unter unser Dach, sie knüpfen Freundschaftsbänder und erzählen uns, wie sie durch den Verkauf ihrer Bändchen in Städten und an Stränden sich seit Monaten die Reise finanzieren. Die essen kein Filet Mignon, schlafen nicht in Privatzimmern mit eigenem Bad, und werden von uns dekadenten Touristen schwer bewundert. So viel Freude über ein spendiertes Bier, und wir kaufen ihnen Armbänder ab und gehen bei Vollmond baden. Das Meer fühlt sich immer noch türkis an, auch in der Dunkelheit.

Am nächsten Morgen ist es, kaum ist die Sonne am Himmel, heiß. Unser Wasser ist fast leer, das Geld auch. Wir alle haben zu wenig dabei, und verbringen den Vormittag damit, wie wir unsere Schulden für Huhn mit Reis und Fisch bezahlen könnten. Nach bezahlen der Rückfahrt am Nachmittag bleibt uns definitiv zu wenig Geld, und in allerletzer Minute bietet uns Lisa aus Hamburg einen Teil ihrer Geldreserven an. Das Boot zurück ist noch schneller als alle anderen jemals zuvor, wir springen über das Wasser, setzen dann im neuen Hotel das ganze Bad unter Wasser und finden mal wieder ein feines Restaurant in dekadenter Touristen-Preisklasse. Paul fliegt am nächsten Tag nach Kanada zurück und deswegen und nicht nur deswegen feiern wir abends ein kleines Abschiedsfest auf der Dachterrasse des Partyhostels, bis dort die Musik ausgemacht wird und schnurstracks Menschen mit Besen Berge aus Plastikbechern und leeren Zigarettenschachteln anhäufen. Wir beobachten das Treiben auf der Straße, eine dieser Straßen, auf denen immer Menschen sind, aus den Türen und Fenster der Lokale quellen, deren Türen und Fenster immer weit offen stehen, beobachten die vielen Polizisten, die jede kleinste Unruhe sofort unterbinden, glauben einen Drogendeal zu sehen, sehen aber dann den potentiellen Käufer nicht mehr. Ein Kolumbianer, der lange in Kanada gelebt hat, erzählt uns davon, wie sehr in Cartagenas Innenstadt, dem größten Touristenort Kolumbiens, wo die Mieten in der Innenstadt fast so hoch sind wie die in München in der Nähe des Mittleren Rings, ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit vermittelt wird. Durch extrem hohe Präsenz von Polizei und Militär. Wie aber in den Randgebieten, wo die Menschen dicht aufeinander leben, der Schutz fehlt und es dort ständig zu kleinen Bürgerkriegen kommt. Dort, wo wir Reisende nicht hinsehen. Er erzählt auch, wie bestechlich diese scheinbar unberührbaren Obrigkeiten sind, wie sehr eins sie mit Guerilla und Farque sind, und wie das Land vom Drogenhandel vergiftet und regiert ist.

Wir schlafen weit in den vorletzten Tag unserer Reise hinein. Nachmittags schlendern wir durch diese beschützten Straßen, entlang eines Pfades, den die Touristenstadtkarte vorgibt, sehen wieder diese wunderschönen Häuser, bunt, bepflanzt, idyllisch. Postkartenreif. Und Fassade für ein ganzes Land, hinter der die scheußlichsten stinkenden Kammern miese Dinge ausspucken. Abends gibt es Pizza, in der ciudad movil, einem Haus, in dem sich Leute treffen, die aus aller Welt nach Cartagena gezogen sind. Dort gibt es eine Bibliothek, Sofas, eine Art Turnhalle, in der man Tanz und Akrobatik lernen kann und wo am Wochenende Disco ist, mit bunten Lichtern aus den Ecken. Hintendran einen Garten, in dem Pizza auf großen Holzbrettern serviert wird. So gute Pizza, die so träge macht. Und Mosquitos, die das dort lange sitzen verleiden. Wir streunen noch ein bisschen durch die Gegend, überschwemmen unser Bad und sind sowieso schon wieder wahnsinnig müde.

Der letzte Tag, der letzte Ausflug. Fünfzig Kilometer östlich von Cartagena lassen wir uns zu einem Schlammkrater kutschieren. Diese lustigen Vulkane sind dort irgendwann aus dem Boden gewachsen, und sind angefüllt mit zähem braunem Schlamm, in den man sich hineinlegen kann, der einen trägt wie das Salz im toten Meer, wie eine unsichtbare Ebene, auf der man sitzt oder liegt. Man reibt sich ein, kann sich massieren lassen mit dem Schlamm, gibt acht, nichts davon in die Augen zu bekommen, denn die Hände sind wie der ganze restliche Körper mit dieser Masse überzogen, und ist einmal Schlamm in den Augen, hat man keine Chance, sich selbst davon zu befreien. Nach dem Schlammbad ziehen Kolonnen brauner Gestalten zum Süßwasserteich ein paar Schritte weiter, sich die braune Brühe abzuwaschen. Soweit das geht, in einem eigentlich klaren Wasser, das aber ebenfalls schlammgetränkt ist. Aus der Dusche tröpfelt es immerhin, für die groben übrigen braunen Flecken, und die Reisegruppe „Schlammvulkan“ reist ab zum Mittagessen, im Preis inbegriffen. Wir kommen an einem Strand an, der uns schwarz-weiß und düster ansieht. Es zieht ein Gewitter auf und wird richtig kalt, es ist windig und grau. Und so schön. Die Augen glauben sich zu täuschen, aber nein, hier kann es grell in allen unbekannten Nuancen leuchten und dann wieder so unfarbig sein wie man selten gesehen hat. Am Nachmittag macht sich Aufbruchstimmung breit. Rucksack packen, einchecken, nostalgisch werden. Und eine nette Begegnung mit einem Restaurantbesitzer, dessen Eltern in Tschechien leben. Österreich-Erinnerungen.

Wir haben Bauchweh und gehen früh ins Bett.

Die Heimreise ist lang und langweilig. Mit dem Bus von Cartagena nach Barranquilla, zwei Stunden, mit dem Flugzeug früher als erwartet und sehr schnell nach Bogota, eine Stunde. Sieben Stunden Flughafen, Nudeln und Crepe mit Nutella, und ein verschlafener Heimflug. In Frankfurt zeigt die Armbanduhr neun Uhr morgens, es ist nachmittags um vier. Abschied und jeder geht seiner Wege. Erinnerungen bleiben, viele Bilder und dieser Text.

Das ist das Ende der Reise. Wir sind jetzt seit vier Wochen wieder in Deutschland, der Alltag hat seine schleimigen Finger wieder ausgestreckt und ab und zu schauen wir eines dieser Sehnsuchts-Bilder an. Aus Salento, wo wir mit den Pferden durch den Rio Quindio geritten sind, oder der Strand im Tayrona Nationalpark, und fühlen noch ein bisschen diesen heißen Wind auf der Haut.

Hier ist das gesamte Reisetagebuch in einem Rutsch hinterlegt, und dazu eine Liste der Orte und Lokale, an denen wir gern geschlafen und gegessen haben.

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Reisen in Kolumbien: Taganga und Tayrona Nationalpark

Taganga

Als wir in Santa Marta aus dem Flughafengebäude kommen, schlägt uns ein Hitzebrett entgegen. Es ist heiß, heiß, heiß und feucht. Hier ist die Landschaft nicht mehr grellgrün, sondern karg und bräunlich, ausgetrocknet und flimmernd. Wir teilen uns ein Taxi mit Charles aus Paris und Paul aus Toronto, die mit demselben Flugzeug wie wir aus Medellin kamen, und haben es wieder eilig, dann das Halbfinale Bayern-Real hat schon begonnen. In Taganga, einem kleinen Fischerort ein paar Kilometer neben Santa Marta, landen wir im Hostal Casa de Felipe, einer Anlage am Ende der Straße, mit Bäumen, Terrassen, Hängematten, einer großen offenen Küche und dem Fernsehraum, in dem vor der riesigen flachen Glotze schon matte Backpacker liegen. Wir schwitzen, trinken, schwitzen und finden, mal wieder gute Arbeit geleistet zu haben bei der Wahl der Unterkunft. Das Hostal wird von einem Franzosen geführt, und ein französischer Koch kocht mittags und abends eine kleine Auswahl an Gerichten, die wir jeden Tag und Abend in Taganga genießen. Wir sind mittlerweile sehr wählerisch, was das Essen anbelangt, schlemmen und haben Ansprüche. Die hier anstandslos erfüllt werden. Königliches speisen, mit kleiner Suppe vor dem Hauptgang, einem frischen Fruchtsaft und ein kaltes Bier, und der Hoffnung, dass ab und zu eine Windbrise vorbeikommt und den Schweiß, der ständig fließt, hier, wo es nachts kaum unter dreißig Grad hat und die Luftfeuchtigkeit bei 70% liegt, kurzzeitig trocknet. Völlig erschlagen von der Hitze verschlafe ich den Abend und den nächsten Tag verbringen wir im Garten bzw. dem Sitzbereich des Restaurants, immer nach Baumschatten suchend, zwischen Liegestuhl und Hängematte.

Tayrona Nationalpark

Charles, Paul, wir zwei und ein Hawaianer, Douglas, treffen sich am nächsten Morgen zu einem Ausflug. Wir haben Badesachen dabei, Wanderschuhe, jede Menge von diesem Trinkwasser in Plastiktüten, Sonnencreme und gehen zum Hafen. Ein rasendes Boot, das teilweise mehr über die Wellen fliegt als sie durchpflügt, bringt uns die Küste des Tayrona-Nationalparks entlang an einen Sandstrand mit Palmen und Postkarten-Kostüm. Hier im Park kann man in Hängematten übernachten, wandern, unter Palmen wandeln, schnorcheln und vor allem: faul sein. Es ist viel zu heiß und schwül, um sich zu bewegen, wir verbringen den Tag, salzig und sandig, immer mit einem Brennen auf Haut und in den Augen, dort am Ufer, und die Nacht in unseren Hängematten, mehr wach als schlafend, denn die Mosquitos rauben uns die Ruhe.

Ich wache nach einem kurzen sehr tiefen Frühmorgensschlaf von lautem Hahnengeschrei auf. Das Mistvieh scharrt unter meiner Hängematte und plärrt. Mein Gesicht ist ein Streuselkuchen, aber nicht von Stechtieren, sondern von den Flöhen, die scheinbar in der Matte wohnen. Mieses Erwachen. Und diese Hitze. Alles ist salzig, der Sand knirscht und wir kleben und beschließen, nicht noch eine Nacht zu bleiben. Von der Hitze träge, liegen wir den halben Tag im Schatten, möglichst bewegungslos, den jedes kleine Rühren treibt den Schweiß noch mehr aus den Poren. Das Wasser in den Plastikschläuchen hat mittlerweile fast Lufttemperatur.

Wir treten den Heimweg an, gute zwei Stunden durch den Wald, über weiche Sandstrände, die zwar wunderschön, aber fast unmöglich zu begehen sind, jeder Schritt fühlt sich an wie einer vorwärts und gleichzeitig drei rückwärts, die Sonne brennt vom Himmel. Ach, wir Städter. Am Ende des Weges müssen wir über einen kleinen Berg, schleppen uns da hoch, und kommen an dem Ort an, an dem der Shuttlebus zum Parkausgang fährt. Wenn er führe. Uns wird ein privater Transport versprochen, daher kommt eine Schrottlaube, bei der die Türen von innen zugehalten werden müssen, weil sie von selbst nicht mehr schließen. Der Fahrer weigert sich loszufahren, bevor er zwei weitere Mitfahrer gefunden hat, wir warten, wollen da alles hier nicht, und steigen nach 90 Minuten in den öffentlichen Bus, der dann auch endlich voll ist und abfahren kann. Es ist schon längst dunkel, als wir wieder im Casa de Felipe ankommen. Zivilisation. Dusche. Gutes Essen. Sonnenbrand und Mosquitobiss-Cremen. Ach, wir Städter-Touristen. Aber das ist ein Urlaub, kein Überwindungscamp. Wir genehmigen uns einen weiteren Tag Faulsein im Hostel, am Abend kommen Charles, Paul und Douglas aus dem Park zurück, die die zweite Nacht in Hängematten verbracht haben, die im Wind hingen und somit so gut wie Moskitofrei waren. Wir feiern die glückliche Rückkehr aller aus dem Dschungel, erzählen uns von weiten, sandigen, heißen Stränden, dem wilden Meer, das gegen die Felsen am Ufer donnert, den kleinen blauen Krabben, die den Park untertunneln und essen dazu unser Filet Mignon, französisch. Wir beschließen, am nächsten Morgen gemeinsam nach Cartagena weiterzufahren.

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Reisen in Kolumbien: Medellin

Medellin

So im Heißschokoladen-Zuckerkoma traten wir den großen Ritt an, mit Ziel Medellin. Der kleine Bus war schnell, aber auch schamlos. Wir, ganz hinten drin eingezwickt. Für Beine ist da sowieso immer recht wenig Platz, in diesen halben Bussen, und wir beide sind ja ganz gut ausgestattet mit Beinen. Und Gepäck und nicht allzu großer Freude an Busritten. Rumelgepumpel und viele viele Schlaglöcher später erwachen wir aus dem erzwungenen Fahr-Koma und sehen Sonne und schon wieder: viele viele Menschen. Und Autos. Und auch wieder: Seilbahn. Medellin hat eine tolle Metro, die überirdisch fährt, und, weil die Stadt ein ganzes Tal verstopft, Seilbahnen auf die umliegenden Hügel, wo die Menschen leben, die sich die Ebene nicht leisten können. Mir ist schlecht vom halben Bus, und ich mag jetzt gerne schnelle schlimme Kohlenhydrate. Kein Problem, denn oh welch ein Zufall, um die Ecke des langweiligen Hostels, das wir gebucht haben, weil unser Favorit laut Manizales Hostel-Mensch total voll war (auch wenn er sicherlich nicht angerufen hat, trotz hoch und heiligem Versprechen) reiht sich ein stinkender Burgerladen neben den nächsten. Wir nehmen den mit dem Schatten davor und schlucken die Fahrt mit den Pommes runter. Dann spazieren wir rum, verdauen das Fett und fahren ein bisschen mit der oberirdischen U-Bahn, mit einer Seilbahn hoch, runter und das ohne Gewitter. Nichtmal ein bisschen Wind. Man sieht viel und weiß nicht wie man das finden soll. An diesen Hügeln quetschen sich Hütten und Verschläge aus Holz, Blech, Pappe neben- und aufeinander, mit Betonflächen dazwischen, auf denen Kinder Ballspielen. In der Nähe der Bergstation des Metrocable wurde vor ein paar Jahren die Biblioteca Espana fertig gestellt, nicht nur Bibliothek, sondern auch Treffpunkt, Sammelplatz, Internetcafe und Beschäftigungsort für die Menschen dort in der armen Gegend. Friedlich ist es hier, gesellig, bunt und auch laut, aber anders laut, menschlicher laut als an den Orten, wo das Geld lockt und bleibt. Und der Ausblick auf das Tal, das ein letztes Mal an dem Tag von der gerade untergehenden Sonne berührt wird, ist atemberaubend weit und gewaltig. So eine gewaltige Stadt. Wie ein Ozean.

Unsere vier Tage in Medellin sind geprägt von fortbewegen. Hauptsächlich mit Metro und Metrocable, einfach nur sehend, was passiert. Einen Zwischenstopp im großen Fußballstadion machen wir, und sehen ein ereignisloses Spiel zwischen dem Medelliner und dem Bogotaer Club. Mit einer Medelliner Fan-Meute, deren Schlachtengesänge von Trommeln begleitet werden, die uns mitwippen lassen in ihrem Takt und ein eigenes Schauspiel für die Ohren geben. Wir essen unsere erste gesalzene Mango dieser Reise, nuckeln Wasser aus diesen kleinen Kunststofftüten, die es hier überall gibt und die zwar Abfall sparen, dafür aber immer ein bisschen nach Plastiksack und Schwimmbad schmecken. Danach fahren wir wieder, hin und her und hoch und runter, über Hügel drüber, an deren Rückseite noch ärmere Verschläge lehnen, ohne Fenster, ohne befestigte Wege dorthin, und dazwischen magere Kühe, deren Hüftknochen in die Luft staken. Das ist schon ein Anblick, den man nicht so kennt, so als Mitteleuropäer, der behütet und betätschelt in seiner Zwei-Zimmer-Stadtwohnung als niedrigsten Standard die Sozialghettos kennt, die aber Fenster, Dach und geteerte Zufahrtswege haben. Für diese Menschen hier, auf der Rückseite des Hügels, die aus dieser Seilbahn keinen Nutzen ziehen können, die für sie unerreichbar ist mit ihrer Haltestelle dort drüben auf der nächsten Erhebung, und die ihre Güter bergauf und bergab schleppen über die schmalen steinigen Trampelpfade, wäre das das Paradies. Gleich neben der Endstation ragt ein Neubauviertel in den Himmel, Wohnblocks mit Aussicht.

So ist das dann nämlich, das ist städtische Aufwertung. Hier holt das Metrocable das Geld in die Slums, und es schwebt darüber hinweg, und schaut auf dieses Schauspiel dort unten, mit dem es nie etwas zu tun haben wird, denn es ist eine andere Welt in dieser einen Stadt. Neben dem Metrocable, das schon seit einem knappen Jahrzehnt über die Slums schwebt, wird in Medellin gerade ein weiteres Erschließungsprojekt fertig. In der Communa 13, einem der ärmsten Viertel der Welt, entsteht die längste Rolltreppe der Welt. Wir schauen uns das an, wir Glotz-Touristen. Hinauf auf den steilen Hügel, an dem wieder Haus neben Haus und Hütte neben Hütte kleben, wir eine Schneise betoniert, eine überdachte Rolltreppe mit akkuraten Treppen nebenher. Denn Rollen kann man nur drei Stunden am Tag, die restliche Zeit muss aufgestiegen werden, so wie die Bauarbeiter, die fast schon in Kolonnen Eimer voller Schutt dort hinauf schleppen. Uns ist schon heiß, und es ist staubig und dampfig, doch was wir tragen müssen, ist Wasserflasche und Kamera. Das ist alles. Wir bekommen wieder einmal ein Gefühl dafür, wie sehr sich der Puls dieses Landes von unserem unterscheidet.

Am letzten Tag in Medellin werden wir morgens von unserem Hostel abgeholt. Wir sind mittlerweile umgezogen, dorthin wo angeblich alles voll war, in ein zwar winziges Zimmer, dafür aber mit Fensterfront über die ganze Breite und Ausblick aus dem Bett auf eine grüne Front. Über uns ist die Dachterrasse mit einem kleinen Pool, unter uns eine Ebene mit Hängematten, darunter mehrere Räume, verschachtelt mit Sitzgelegenheiten, Bar und Billardtisch. Dieses Hostel ist wie die Stadt, auf vielen Ebenen, mit Begegnungsorten überall, nur ganz ruhig, gemütlich und ein gutes Zuhause auf Zeit. Dort vor der Bambustüre, zu der man durch einen kleinen überdachten Garten geht, wartet ein alter Schulbus für kurzbeinige, und wir starten zu einer Tour durch die Stadt. Das Thema ist Pablo Escobar, der größte Drogenboss, den es jemals gab, und der mit seinem Kartell in den 80ern das ganze Land beherrscht und lahmgelegt hat, bis er Anfang der 90er endlich in seinem Versteck aufgespürt und geschlagen werden konnte. Wir fahren Orte ab, an denen er wohnte, riesengroße Häuser, Paläste, immer in weißer Farbe, wie das Koks, das ihm diesen immensen Reichtum, aber dann auch lange Gefangenschaft und Flucht brachte. Die beiden jungen sympathischen, er der Fahrer des Busses, sie die mit dem Mikro, englisch sprechend, erzählen von diesem Menschen, seinem Einfluss, den Folgen des Drogengeschäfts, die immer noch immens im ganzen Land zu spüren sind. Wir sind schwer beeindruckt, auch von dieser Entrepeneur-Idee, Touristen auf diese Art und Weise so wichtige Aspekte der Stadt zu zeigen und nebenbei klar zu machen, wie es in Kolumbien unter der freundlichen sonnigen Fassade brodelt und schäumt.


(eines der 500 Häuser, die Pablo Escobar in Medellin bauen lies. Hier sein Privathäuschen, weiß wie der Schnee für die Nase.)

Der Nachmittag beginnt mit Fußball, einem wieder kaputten Computernetzteil und einem sehr späten Mittagessen mit der kolumbianischen Idee eines Rinderbratens. Wir sind faul und ja im Urlaub, schauen von der Hostelterasse dem Regen zu und machen sehr wenig und vor allem nichts, das im Reiseführer empfohlen wird.

In Medellin haben wir eine Horde lustiger Menschen getroffen. Am ersten Abend Sergio, der kleine springlebendige Aktivist, der unser trockenes Brot wegknabberte als wäre es Schokokuchen und uns davon erzählte, wir gut es reichen Leuten oder Kindern aus reichen Familien in Kolumbien gehen kann. Er zeigte uns die vielen Papiere aus seinem Rucksack, erzählte uns von dem, war in seinem Kopf umhergeistert, von seiner Arbeit, an der er gerade für die Uni sitzt, und es wurde ein vergeistigter Abend, mit viel Spanisch in einer wieder anderen Welt als die in den hohen Häusern in der Innenstadt und die in den Verschlägen am Hang. Oder dann die Schweizer im Hostel, und Birgit aus München, die von der fünftägigen Überfahrt mit dem Katamaran aus Panama erzählten, und den vielen Inseln, die der eine Schweizer in den letzten Monaten seiner Reise gesehen hat.

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Reisen in Kolumbien: Manizales

Manizales

In Manizales ist nichts eben. Die Stadt steht auf Hügeln und noch mehr Hügeln, und unser Hostel liegt an einer sehr schrägen Straße. Wir laufen rum, bergauf und bergab, es ist Donnerstag Abend und die Hölle los auf der Straße. Aus jeder der offenen Fassaden wummert laute Musik, viele junge Menschen sitzen auf und an der STraße, Verkehr braust, auf dem Platz vor dem Gebäude der Uni (einer der Unis, hier ist eine neben der anderen) geht es zu wie bei einem Festival vor der Hauptbühne (naja, Nebenbühne zehn Minuten vor dem Konzert). Da Manizales nicht gerade sehr wegsames Gelände ist, schon garnicht zum Transport schwerer Dinge, gab es in der Stadt ein großes Seilbahnnetz, um Menschen und Güter hin und her zu bewegen. Eine der ehemaligen Seilbahnstationen, ein schwedisches Holzhaus, niedrig und sehr hübsch, ist eben diese Uni, irgendwas mit Kunst, denn viele der Menschen dort auf dem Platz haben große Mappen oder irgendwelche Modelle dabei. Wir haben nur Hunger, finden was, und sind aber so müde und überrollt von den Tagen zuvor und diesem Getöse dort auf der Straße, dass wir schneller zzzzZZZ als gewollt. Gute Nacht.

Freitags scheint die Sonne ins Zimmer, im Halbschlaf kommt der Gedanke, jetzt rausgehen zu müssen, denn der Reiseführer weiß, dass es in Manizales eigentlich nie klare Sicht hat. Außer jetzt. Aber jetzt liegen wir und nein, wir können nicht aufstehen. Wir können später aufstehen, langsam frühstücken, den Bus finden, der über die Hügel ans andere Ende der Stadt fährt, wo ein Aussichtspunkt sein soll. Den finden wir auch, den Punkt, aber die Aussicht ist verloren gegangen. Man sieht bis zur anderen Straßenseite, deswegen machen wir Fotos von unserer Straßenseite, einem Ufo, was auf der Kreuzung steht, schauen ein bisschen dahin, wo das Tal mit den Wäldern sein könnte, und machen uns in der Innenstadt auf die Suche nach einem neuen Netzteil für unseren kleinen Computer. Der lädt nicht mehr und das ist schlecht für Reisetagebuchschreibeifrige.

Auch tagsüber tost es und hupt und es ist keine laute Musik, aber dafür Geschrei und menschliches Getöse, das aus den Fassaden dringt. Nach „Verhandeln“, gehen, weitersuchen, wiederkommen, kaufen und dann keine Lust auf die Stadt mehr haben stehen wir vor einer – so wenig naheliegend ists ja nicht in der Stadt der tausend Seilbahnpfeiler – Seilbahnstation. Aber nicht so einer, wie da am Vorabend, wo die Kunststudenten stehen, nein, sondern eine echte. Eine Moderne aus Beton und Glas. Bei der Ankunft in Manizales haben wir schon Gondeln schweben sehen, und hier ist es, wo sie abfahren. Sowieso nicht so genau wissend, wie der Tag verlaufen soll, steigen wir da mal ein. Die Linie hat drei Stationen, die des Einstiegs, eine Mittelstation und das Ende am Busbahnhof. Wir wollen runter, umdrehen und wieder rauf. Unmittelbar nach der Mittelstation fängt es an zu schütten, wie aus heiterem Himmel. Also so heiter, wie der Himmel eben war, dort im Nebelkrater. Wir findens noch ganz lustig, wie der Regen so auf die Gondel prasselt, bis es blitzt, laut knallt und dann: Stillstand. Das ist ein blitzschnelles ausgewachsenes Gewitter, und aus den Lautsprechern der Gondel spricht der Blitzgott zu uns. Wir verstehen das Spanisch nicht und es schaukelt und blitzt und prasselt und knallt und schwankt und mir wird schlecht und sehr bang. Frei schwebend im Unwetter, das nie wieder enden wird.

Der restliche Tag brachte einen Mittagsschlaf, der bis zum Dunkelwerden dauerte, und dann das beste flüssige Schokoladengetränk der Welt. Aber nicht vergleichbar mit Alegra in Salento! Keineswegs!

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Reisen in Kolumbien: Die Kaffeefinca

Ein kleines Tränchen floß, als wir uns mit dem Bus von Salento hinunter zum Rio Quindio schraubten, ach Rio Quindio, wie habe ich dich lieb gewonnen in den letzten Tagen. Wir waren auf dem Weg zum Busbahnhof in Armenia, mit der Mission, Flugtickets an die Karibikküste zu kaufen und dann irgendwie zur Finca Combia zu gelangen, dem Ort, der den Luxus-Teil des Urlaubs erfüllen sollte.

Am Busbahnhof gerieten wir wohl gleich an den richtigen Herren, denn der erste, den wir nach einem Reisebüro fragten, nahm uns mit, in sein kleines Zimmerchen, in das gerade so ein Schreibtisch passte, und buchte für uns fernmündlich (mit seiner Frau, die zu Hause am Computer saß) unsere Flüge nach Santa Marta. Ja, das hätten wir schon auch selbst gekonnt, hätte diese kolumbianische Fluggesellschaft-Seite kein Problem mit unseren Kreditkarten gehabt. So hielten wir nach ein bisschen mehr Hin und Her als man bei einer Flugbuchung erwartet unsere Tickets in der Hand und wurden vom netten Reisebüro-mit-einem-Schreibtisch-Herrn zu unserer Finca kutschiert, natürlich billiger als das Taxi gewesen wäre und ja sowieso selbstverständlich, weil man kennt sich ja und fährt da sowieso hin und lalala. Er rief dann auch noch ungefähr jeden zweiten Tag an und kümmerte sich ein bisschen um uns gar nicht so verlorene deutsche Menschen.

So, und da waren wir dann. Eine riesige Anlage, mit Swimmingpool, der tut als würde er am Ende im Nichts enden, mit Wasserfontänen, Menschen, die mit Gartengeräten herumfuhrwerken, langen Wasserschläuchen, die den Pflanzen beim nicht Verdursten helfen, hübsche Stühle und Tischchen unter hübschen Bäumchen, Papageien in der Luft und überall Hemden mit steifem Kragen, die sich um unser Wohl sorgten. Unser erstes Anliegen war ein laufender Fernseher mit einem der Champions League-Spiele, ein gemütlicher Stuhl dazu, ein Kaffee und eines dieser Schoko-irgendwas-Mousse-Törtchen, die umgerechnet sieben Euro kosteten. Aber wie gesagt: der Luxusaufenthalt sollte hier stattfinden. Hier und nirgend anderswo. Also hingen wir da, auf der Veranda, mit Blick ins endlose Tal, in Hängematte und Sessel und dann wieder Hängematte und dann Sofa, stellten fest, dass der kleine Computer mal wieder keinen Strom aufnehmen wollte, und starrten auf die Riesenglotze, die da so an der Wand hing. Danach lagen wir in Hängematte und Liegestuhl, im Poolwasser, das am Rand doch eine Grenze hatte, in der Hängematte und dann wieder im Liegestuhl, bis es kälter war und dunkel und man uns bestimmt sagte, dass sofort um 19 Uhr Abendessen bestellt werden sollte, denn man erwarte eine Gruppe Schülerinnen aus Bogotá, die dann auch noch versorgt werden müssten. Zu diesem Zwecke landeten eine große Ladung Schnitzelteile auf dem Grill und verdörrten sogleich zu pappdeckelähnlichen Klumpen. Blöderweise (unbewußt) war bei meinem Gericht auch eines dieser Klumpen dabei, aber mit einer sehr feinen Soße aus viel Bratenfett und Sättigungsbeilage. Da war ich noch nicht fertig mit dem Essen, da nahm man dem Mann schon den Teller weg und hastenichtgesehen stand man schon wieder und war fertig. Hups. Schnell ging das. Und ja, sie sind sehr freundlich. Und bestimmt.

Wir hatten schon gehört, es gäbe Sauna, und so ein heißes sprudelndes Becken neben dem Pool. Wir beantragten eine Anheizung und vertrieben uns die Zeit bis dahin auf Liegestuhl und Hängematte. Also man kann nicht sagen, wir hätten uns nicht entspannt. Die Sauna war dann leider ein bisschen kalt, und auch sehr eng und ungemütlich. Der Sprudeltopf dafür sehr viel besser, in der heißen Brühe unter dem Sternenhimmel, nur wir und die Mücken und…

… eine Horde pubertärer Mädchen aus Bogotá, die nach ihren Schnitzelchenklumpen auch in das Plantschewasser wollten und zack da saßen sie. Und uuuuuh ist das heiß und uuuuh ist das kalt und hey, woher kommt ihr? Aaah, Deutschland, ja, toll! Wir sind Oberschichtenschülerinnen aus Bogotá und hey, das ist so coool hier das uuuh ist das heiß, das Wasser. Ja. Duschen, Hängematte, Bett. Mittlerweile prasselte der schönste tropische Schauer auf unser Bambusbedecktes Dach, wir lagen da zwischen den beiden Lampen, die gelbe Flecken an die Wand malten, und lauschten dem Wasserschwall. Und fühlten uns dabei ein bisschen wie vor drei Jahren in diesen Motels entlang der amerikanischen Highways, denn drunten im schönen Tal raste der Verkehr über die einzige große Straße der Gegend.

Der nächste Morgen begann mit einem Frühstück dort neben dem Grill und einer Verabredung mit dem Agrarchef der Finca. Mit vierzig Hektar um einiges größer als die von Don Elias, den wir in Salento besucht hatte, ist sie dennoch nur mittelgroß im Vergleich zu anderen Kaffeefincas in Kolumbien. Wir machten einen Spaziergang durch die Kaffeeplantagen, lernten von Ungeziefer und Mitteln dagegen, lernten wie der Kaffee gepflückt wird und was dann mit ihm passiert.


(Kaffeebohnen frisch gepflügt, in Feldarbeiterhänden // fertig getrocknete Kaffeebohnen, wie sie nicht in den Export kommen sondern im Inland verkauft werden, in Schreibtischtäterhänden)

Diese Führung war sehr toll und so sehr am Boden im Gegensatz zu der gastwirtschaftlichen Freundlichkeit auf der Terrasse, die uns schon fast zu viel war, und wir beschlossen uns richtig entschieden zu haben. Denn dieser Tag war ein weiterer Reisetag, wir verließen die Finca nach einem schnellen Mittagessen und der höchsten Rechnung (für eine Nacht) des ganzen Urlaubs und machten uns auf den Weg weiter nach Norden. Manizales war das nächste Ziel, die Stadt auf den sieben Hügeln hinter den sieben Bergen.

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